Biwak 1813

Unter dieser Thematik führte der Heimatverein schon seit 1999 mehrtägige Veranstaltungen mit militärhistorischen Vereinen um den Burghügel (Mahl, Hochmotte) durch. Sie finden großen Anklang und entwickelten sich zu Volksfesten mit deutschlandweiter Resonanz.
Gründe dafür sehen wir vor allem:
1.    In dem wunderschönen Gelände um den Burghügel. In der jüngsten Zeit wurden durch Baumaßnahmen (Musikpodium, Ausschank, Backofen, u. a. m.) die Bedingungen wesentlich verbessert.
2.    Im Engagement des Heimatvereins und weiterer interessierter Bürger unter Regie von Rolf Blumstengel, 2. Vorsitzender des Heimatvereins.
3.    In der Nachhaltigkeit der historischen Ereignisse von 1806 bis 1813.

Unser diesjähriges Biwak 1813 (2. bis 4. August) ist eingebettet in die 200. Gedenkfeier der Völkerschlacht bei Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813), unter dem Zeichen: Gedenken, Feiern und Erleben. Bei allem Spaß sind wir uns bewusst:
Traditionspflege ist nur möglich in Dankbarkeit und Ehrfurcht vor den Leistungen und Leiden in der Vergangenheit. Deshalb gehören Aufgeschlossenheit und Vorurteilslosigkeit zur Erhaltung lebendiger Tradition.

Die Schlacht bei Auerstedt (eigentlich bei Hassenhausen) am 14. Oktober 1806 ging nicht spurlos an Willerstedt vorüber. Die Niederschriften der Chronisten jener Zeit haben die Ereignisse, die sich auch hier bei uns abgespielt haben, festgehalten. Sie offenbaren uns, dass Willerstedt durch seine Lage am alten Heerweg (auch zwischenzeitlich via regia, Erfurter Weg und Postweg genannt) zwischen Buttelstedt und Eckartsberga im Umfeld des Geschehens lag und in die militärische Auseinandersetzung verwickelt wurde.
Pfarrer P. Kunze aus Nirmsdorf (Nachbarort von Willerstedt und auch am alten Heerweg gelegen) arbeitete die Aufzeichnungen des damaligen Lehrers Förtsch auf. Er schreibt: „Früh in der Dämmerung, bei einem sehr starken Nebel am 14. Oktober 1806 fing der Kanonendonner und das kleine Gewehrfeuer oben bei Hassenhausen an. Man hörte es sehr deutlich und es dauerte bis Mittag 1 Uhr. Man ringt verzweifelt die Hände und alles steht zur Flucht bereit mit eingepackten Sachen. Da gegen 1 Uhr kommt die Retirade der fliehenden Preußen hier durch, Zug an Zug, Wagen an Wagen, Kanone an Kanone, bis gegen Abend, ein Wirrwarr ohne Gleichen. Alles schreit nach Brot, und da keine Möglichkeit vorhanden, alle zu befriedigen, brechen die Preußen in die Häuser, zerschlagen alles. Plündern und rauben“. (1)
Die französische Armee begann unverzüglich mit einer rastlosen Verfolgung. Bei der Kreuzung Heerweg/Rudersdorf Straße nördlich von Willerstedt fand ein Scharmützel (kleines Gefecht) zwischen den fliehenden Preußen und den nachsetzenden Franzosen statt. (2)
Am nächsten Tag kamen die französischen Soldaten ins Dorf … „brandschatzten, auch plünderten sie die Wohnung des Pfarrers und fast alle Häuser der Wohlhabenden“ (3)

Mit der Einquartierung französischer Soldaten vom 2. zum 3. Februar 1808 in Willerstedt entstand für die Einwohner eine schwierige Situation. Vier Unteroffiziere und 53 Gemeine (Soldaten) mit 106 Pferden mussten für eine Nacht untergebracht und versorgt werden. Anderen Tages verhielten sich einige der aufgezwungenen Gäste ziemlich unverschämt und dreist, wie berichtet wurde (4): Der bei Maria Porse war mit der Heuration für sein Pferd nicht einverstanden und schlug den Sohn und ihre ältere Schwester bettlägerig, ebenso den herbeieilenden Nachbarn Georg Lackhorn, welcher „zum Frieden reden will“. Bei Christoph Bierlich wollten sie in dessen Abwesenheit Frau und Tochter mit „Gewalt nothzüchtigen“.  „…, andere bei Christoph Rosenhahn einquartierte wollten das Dorf anzünden, worauf die Glocke geschlagen …“ Herbeieilende mutige Willerstedter wollten die Aufwiegler (Soldaten) festsetzen. Es entstand eine deftige Prügelei. Als die ganze Truppe der Soldaten sich mit blankem Säbel auf einen Punkt vereinigt hatte, zogen sich die Willerstedter „… aus Liebe zum Leben zurück“, - sie ergriffen die Flucht. Die danach abziehenden Soldaten zerschlugen noch einige Fenster und Türen.

Die Lützower – ein im Frühjahr 1813 gegründete Freikorps – kam auf ihrer „wilden verwegenen Jagd“ nach Frieden, Freiheit und einem einheitlichen Vaterland auch in unserer Gegend. In der Absicht einen Überfall auf Weimar zu machen, um die napoleonischen Truppen wegen ihres schändlichen Treibens aus der Stadt zu jagen, ging es am 1.6.1813 über Allstedt nach Wiehe (5). Von Allstedt entsendete Lützow die Offiziere von Reich und Theodor Körner nach Wendelstein, wo sie die dienstbrauchbaren Pferde des sächsischen Gestüts entführten.
Am 2. Juni 1813 wurde über Rastenberg und Buttstädt gegen Mittag Buttelstedt erreicht. Dort erfuhren sie, dass in Weimar und Umgebung starke feindliche Kräfte lagen. Unter diesen Umständen wurde die Absicht aufgegeben, auf Weimar zu marschieren. Gleichzeitig wurden Maßnahmen für die eigene Sicherheit vor diesen feindlichen Kräften getroffen. Lützow ließ eine starke Abteilung auf den Höhen des Ettersberges und deren Ausläufer auf Erfurt zu marschieren, die den Feind verleiten sollte, in dieser Richtung zu verfolgen. Er selbst wendete sich „mit der übrigen Kavallerie den Wäldern des Eckartsberges zu und wartete dort die Dunkelheit ab“ (5). Nachdem sich beide Gruppen wieder vereint hatten, sind sie auf der Kupferstraße an Willerstedt vorbei nach Oßmannstedt, wo sie in der Nacht die Ilm überquerten.
In Buttstädt hatte Lützows Kavallerie vermutlich eine kurze Rast eingelegt, denn nach Karl Mack unterrichtete Friedrich Schröder am 2. Juni in der Lateinschule, „als sein ehemaliger Kommilitone und Freund Weber ihn in seinem Unterricht aufsuchte, um ihn für den Befreiungskampf gegen Napoleon in den Reihen der Lützower Jäger zu gewinnen. Schröter schloss sich spontan an. Seine Teilnahme an den Kämpfen brachte ihm mancherlei Missgeschick. Es gelang ihm, aus der Gefangenschaft zu entfliehen. Später beendete er sein Studium und wurde 1818 der erste Direktor des neu eingerichteten Eisenacher Lehrerseminars“. (6)
 
Mehrere Indizien sprechen dafür, dass der alte Heerweg nördlich von Willerstedt auch der Fluchtweg des Franzosenkaisers Napoleon Bonaparte war. 1812 nach dem jämmerlichen Fiasko im winterlichen Moskau flüchtete Napoleon Bonaparte inkognito aus Russland. Von Merseburg kommend wurden in Eckartsberga die Pferde gewechselt und weiter ging es auf alten Heerweg in Richtung Buttelstedt. Auch nach der Völkerschlacht bei Leipzig 16. bis 19. Oktober 1813 wählte der geschlagene Kaiser Bonaparte wieder den alten Heerweg aus, um schnell von Eckartsberga nach Weimar zu kommen. In Buttelstedt machte er Rast. Hier änderte er sein Vorhaben, weil in Weimar schon die Kosaken waren. Am späten Abend gelangte er bis nach Ollendorf, wo er einige Stunden blieb. Schon nach Mitternacht brach er wieder auf, um in Erfurt mit größerer Sicherheit der „Ruhe zu pflegen“ (7).

Biwak von 50.000 Soldaten im Felde zwischen Willerstedt und Oberreißen. Pfarrer Friedrich Andreas Tölden aus Willerstedt schrieb:
„Im Jahre 1813 nach der großen Völkerschlacht bei Leipzig, wo die Franzosen geschlagen und besiegt wurden, kam erstlich ein großer Theil der Franzosen auf ihrer Retierade nach Erfurt in unseren Ort und plünderten denselben. Bald darauf als am 23. Oktober zogen andere sie verfolgende Heere durch, ein Korps von 50.000 Mann, diese lagerten sich des Nachts zwischen uns und Oberreißen auf dem Felde. Sobald als sie angekommen waren, kamen mehrere von ihnen ins Dorf herein und trugen den Einwohnern Korngarben hinaus, desgleichen Kühe, Schweine, Gänse, um sie zu schlachten und braten. Zum Nachtlager nahmen sie die Garben, zum Brennmaterial nicht bloß Holz und Reisbündel, sondern hoben auch hie und da, die Türen und Torwege aus und zerhackten sie. Ich hatte dieselbe Nacht einen General, 12 Offiziere, 12 Bedienten und 12 Gemeine in meiner Wohnung, 48 Pferde. Dadurch kostete es genug, alle die Menschen zu beköstigen und die Pferde mit Futter zu versorgen. Da mein Brodvorrath aufgezehrt war und man beym Bäcker keins bekommen konnte, musste meine Frau die ganze Nacht hindurch in der Bratröhre Plätze backen. Die meisten die bey mir einquartiert waren, waren Kosacken und verstunden ziemlich die deutsche Sprache“ (3)

Erwähnenswert wären noch:
•    Johannes Cotta, von 1851 bis 1868 Pfarrer in Willerstedt. Seiner Feder entstammt die erste Vertonung des Gedichts von E. M. Arndt „Was ist des deutschen Vaterland“ (8). Er wirkte auch mit in der Gründungszeit der Burschenschaften in Jena.
•    Die Lützower und hier speziell der Dichter der Befreiungskriege Theodor Körner erfuhren auch in Willerstedt allgemein große Sympathie. Einige Väter gaben ihren Söhnen den Taufnamen Theodor mit, wie zum Beispiel: Blose, Schreiber, Linke und Ludwig. Der bedeutendste war der Volksliedsammler und -forscher Franz Theodor Magnus Böhme, der am 11. März 1827 in Willerstedt geboren wurde.
•    Die Willerstedter Verluste im Herbst 1813, vor allem nach der Völkerschlacht bei Leipzig waren sehr hoch. Der finanzielle Verlust wurde mit 14.600 Thalern angegeben, ein Spitzenwert in der Umgebung. An Nervenfieber starben in Willerstedt 30 von 448 Einwohnern. (7 und in der Festschrift von 1998).
•    Über ausgestandene Drangsale nach der Völkerschlacht bei Leipzig ab dem 21. Oktober gibt Johann Gottlieb Zobers, Kantor in Nermsdorf bei Buttelstedt, auch am alten Heerweg gelegen, eine kurze, wahrhaftige Schilderung. Nachzulesen bei Johannes Falks Kriegsbüchlein Nr. 1, Weimar 1815, Insel-Verlag zu Leipzig 1911, ab Seite 70.
•    Mit Herrengosserstedt (ca. 6 Km Luftlinie von Willerstedt in Sachsen-Anhalt gelegen) verbunden ist das kaum bekannte Hellwigsche Freikorps, dessen Taten aber nicht minder Anerkennung verdienen. Nachzulesen in „Geschichte und Geschichten des Dorfes Herrengosserstedt von Joachim Röhrborn, 1998

Literatur und Quellen:
1.    Die Gegend zwischen Buttstädt und Apolda und insbesondere Nirmsdorf, die Heimsuchungen der Jahre 1806 – 1814 von Pfarrer P. Kunze aus der „Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte und Altertumskunde“ 18. Band, Seiten 560 ff, Jena 1897
2.    „Plan des Treffens bei Auerstädt am 14ten Oktober 1806“, Weimar, im Vol. der Geograph. Instituts, 1807
3.    Unterlagen der Kirche Willerstedt
4.    Aus dem Archiv Wernigerode – Akte Rep. D: Wendelstein A XIV f Nr. 76
5.    Unterlagen des Freundeskreis „Theodor Körner 1813 zu Jena & Dichter der Befreiungsbewegung 1813/1815
6.    Buttstädter Heimatblätter - Karl Mack, Ein Häuser-Report, Buttstädt 1997, Seite 11
7.     1813 in unseren engeren Heimat von Otto Aps, Pfarrer in Gebstedt, Weimar 1913, Seite 23
8.     Gloria-Victoria! Des Deutschen Volkes Liederbuch …, Leipzig, 1914, Seite 18

Walter Ladensack